10 Jahre Kunstverein Ladenburg: Ulrike Gölner, Jürgen Heinz, Hans-Michael Kissel, Gabriele Köbler, Stefanie Welk

bis 30.4.2022

Zum 10jährigen Jubiläum des Kunstvereins Ladenburg wurden 5 BildhauerInnen eingeladen. Die Ausstellung findet an zwei Orten statt, beim Pflanzenhandel Huben werden große Werke und in den Ausstellungsräumen in der Hauptstraße 6  in Ladenburg kleinere Arbeiten ausgestellt. Drahtplastiken von Stefanie Welk, Steingussarbeiten von Gabriele Köbler, Holzskulpturen von Ulrike Gölner und bewegte Stahlplastiken von Jürgen Heinz sind an beiden Ausstellungsorten vertreten, während die kinetischen Arbeiten von Hans-Michael Kissel nur bei Huben zu sehen sind.

Der organische Werkstoff Holz ist das bestimmende Material von Ulrike Gölner. Sie bearbeitet ihre Werkstücke zunächst einmal mit der Kettensäge und und schleift danach die groben Bearbeitungsspuren glatt. So entstehen weiche Formen von haptischer Sinnlichkeit, die immer wieder durchzogen sind von aufgefächerten, manchmal gar aufgebrochen wirkenden Gebilden. Die Bearbeitungsspuren der Kettensäge lassen sich aber nicht völlig tilgen – warum auch – sie scheinen immer durch, sind Teil der Gestaltung und vor allem auch der Wirkung der Skulpturen. Die Glättung der herausgearbeiteten Formen nimmt den Strukturen alles gewaltsame und lässt sie in eigenwilliger wellenförmig geschwungener Bewegung sanft und organisch belebt erscheinen. Das Spiel zwischen der stammeigenen Maserung des Holzes und den von Gölner zugefügten Bearbeitungsspuren ist charakteristisch für die Werke. Den glatten bzw. geglätteten Partien am Stamm stehen die fächerartigen Lamellen gegenüber, die oft auch mit einer transparenten Lasur überzogen sind. Dies schützt die offenporige Struktur des bearbeiteten Holzes und es unterstützt die Vereinheitlichung der Oberflächen. Die Übergänge vom Stamm zu den lamellenartigen Strukturen sind manchmal plötzlich, manchmal kündigen sie sich durch Risse im Stamm oder durch scharfkantige Kerben bereits an. Fast wirken sie wie Wunden, aber ihre geschliffene, oszillierende Struktur hat nicht nur etwas pulsierend Organisches sondern eben auch etwas Florales, Pflanzliches. In vielen ihrer Werk-Titel klingt das auch an (Pflanze, Gewächs), daneben gibt es bei den Titeln noch Zeichen, Stelen und Figuren.

Gebogene Raumzeichen, sanft geschwungene Stelen und weich emporsteigende Figuren rufen immer wieder Assoziationen ins Gedächtnis, letztendlich täuschen sie aber nicht darüber hinweg, dass jedes einzelne Werk sich einer genauen Festlegung entzieht. Die Werktitel legen weniger fest, sie lassen Spielraum in der Wahrnehmung und Deutung. Ulrike Gölner ist bei der Wahl der Titel sehr darauf bedacht, keine missverständlichen Assoziationen aufkommen zu lassen. Ein hoher Abstraktionsgrad unterstützt diese Wirkung, Gölners Skulpturen sind deutungsoffen so sehr sie uns auch an etwas zu erinnern scheinen. Und sie verlieren auch nicht den Erfahrungs- oder Assoziationsszusammenhang mit organischen oder sinnlich-figurlichen Anklängen. Die Holzskulpturen sind als Erinnerungsstücke konzipiert: sie können tief in unserem Inneren Verborgenes in unser Bewusstsein zurückholen. So wie sich die Werke öffnen oder zumindest Teile davon, so können wir uns öffnen für unser Innerstes. Was genau das dann ans Licht befördert, bleibt offen, aber jeder kann es selbst ausprobieren.

Das bestimmende und allumfassende Thema in allen Werken von Jürgen Heinz ist die Bewegung. Sie ist als Grundprinzip in den Stahlplastiken mit eingeschlossen, einerseits in der Formensprache und andererseits in ihrer realen Ausprägung des Schwingens, Schwebens, Wippens, Schaukelns und Oszillierens. Erst ein von außen gesetzter Bewegungsimpuls, ganz gleich ob durch den Wind oder durch die Hand des Betrachters, ist für die Arbeiten der entscheidende Anstoß, der sie zu dem macht, was sie eigentlich sind: Kunstwerke der Bewegung, des Wandels und der Veränderung.

Seine Werke fasst Jürgen Heinz unter dem Begriff „Moving Sculptures“ zusammen. Die Bewegung gilt aber nicht nur für sie selbst, sondern sie charakterisiert das Selbstverständnis des Metallbildhauers. Alles muss in Bewegung sein und bleiben. Auch die Kunst selbst, der Kunst- und Ausstellungsbetrieb und die Kunstbetrachtung. Bewegung bedeutet auch immer Veränderung, somit bleibt nichts still auf der Stelle stehend zurück, sondern kann sich immer wieder neu erfinden, weiterentwickeln und sich in immer neuen Zusammenhängen frei miteinander in Beziehung setzen. Bewegung heißt wieder in Gang kommen, dem Stillstand entfliehen und Neues anregen und schaffen.

Der große Gegenpol der Bewegung ist die Ruhe. Sie ist für die Arbeiten von Jürgen Heinz ein Ausgangspunkt, denn nur aus der Ruhe heraus findet die Bewegung ihren Lauf und es entsteht ein Wechselspiel, eine Wechselwirkung aus Ruhe und Bewegung. Einerseits die ruhige, lastende Schwere der oft wuchtig wirkenden Plastiken und andererseits das organisch-pulsierende Schwingen in der Bewegung. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Bewegung und Ruhe findet sich in allen Werken wieder. Es birgt auch ein Überraschungsmoment,  wenn nämlich die Schwerkraft überwunden scheint und die „Moving Sculptures“ eine spielerisch wirkende Leichtigkeit und Durchlässigkeit durch das Bewegen erhalten. Betritt man einen Ausstellungsort mit Werken von Jürgen Heinz, dann dominiert zunächst einmal die Ruhe und eben auch die Ruhe des Betrachtens. Haben sich die Werke dann erst einmal in Bewegung versetzt, dann eilt man durch die Ausstellung und versetzt die einzelnen Werke nacheinander in Bewegung. Das Beobachten und kontemplative Erleben der oft gegenläufigen oder oszillierend schwingenden Bewegungen erfasst den Betrachter und lässt diesen staunend das zeitversetzte Ausklingen der Bewegung erleben. Auch die klanglichen Elemente, die beim Aneinanderstoßen von Metall entstehen, gehören dazu, lautmalerisch begleiten sie den Rhythmus der Bewegung. Und irgendwann klingen diese Geräusche und Bewegungen aus und es dominiert wieder die Ruhe.

Viele dieser Gestaltungsprinzipien, die ich eben für die Werke von Jürgen Heinz genannt und beschrieben habe, mögen auch für die Arbeiten von Hans-Michael Kissel gelten. Bewegung ist auch bei ihm ein zentrales Thema. Kissels Arbeiten sind der kinetischen Kunst zuzuschreiben, hier ist die Bewegung als ästhetische Komponente fest verankert. Ihre kunstgeschichtlichen Wurzeln liegen bei den Arbeiten von Marcel Duchamp, Alexander Calder, Victor Vasarely und Jean Tinguely, die alle auch 1955 bei der wegweisenden Ausstellung „Le mouvement“ in der Pariser Galerie von Denise René vertreten waren. Generell zeichnen sich Werke der kinetischen Kunst durch einen höheren Abstraktionsgrad aus und die Bewegung wird als selbständiges, von jeglicher Handlung losgelöstes Phänomen dargestellt. Die Bewegung geht dabei einerseits von Natureinflüssen wie Wind und Licht aus, andererseits auch von Einflüssen durch die Betrachter. Zunächst ergibt sich der Eindruck eines statischen Werkes. Die einzelnen Teile sind allerdings mobil und können verschoben werden. Die Bewegung ist hier Mittel zum Zweck, um eine Veränderung in das Kunstwerk einzuführen. Die Veränderung führt zu immer neuen Blickwinkeln, es ist wie Kissel selbst sagt: „die Sichtbarmachung von Naturgesetzen.“ Je nach Beschaffenheit des Kunstwerks können wenige oder viele Positionen eingenommen werden. In manchen Fällen der kinetischen Kunst kann die ursprüngliche Kombination nicht mehr genau wieder eingestellt werden. Physik und Mechanik, Spiel und Zufall sind bestimmende Kriterien, wobei es immer auf die aktive Beteiligung des Betrachters ankommt.

Ausgangspunkt für die Plastiken sind immer auch kleine Modelle. Hier lässt sich bereits erkennen, wie sich die einzelnen Teile zueinander bewegen, wie schnell und wie langsam sich alles in den verschiedenen Achsen dreht. Das vielschichtige Konstrukt aus einfachen und komplexen Bewegungen und Wirkungen ist in den Modellen schon angelegt und kann modifiziert, verändert und schließlich auch auf die endgültige Größe angepasst werden. Alles gehorcht den Gesetzen der Physik, so wirr und zufällig es zunächst erscheint, so geplant und strukturiert ist es mit Skizzen und Modell gleichsam am Reißbrett entstanden. Das „harmonische Chaos“ – wie Hans-Michael Kissel das selbst nennt – scheint einer Choreografie/seiner Choreographie zu folgen, die Leichtigkeit und Schwerelosigkeit der Werke ist also hart erarbeitet, die Bewegungsabläufe – das Drehen, Schwingen, Schweben der einzelnen Teile – machen für Hans-Michael Kissel das Wesen seiner kinetischen Kunst aus.

Die in sich ruhenden Figuren von Gabriele Köbler bilden einen Gegenpol zur eben charakterisierten sich bewegenden Kunst von Jürgen Heinz bzw. der kinetischen Kunst von Hans-Michael Kissel. Still und versonnen wirken die lebensgroßen Arbeiten, als ob die Zeit stillstünde harren sie der Dinge, die kommen. Nichts bringt sie aus der Ruhe, sie offenbaren sich als Schmelztiegel der Konzentration und Gelassenheit, des Beobachtens und der stillen Teilnahme.

Gabriele Köblers Werk ist ganz der menschlichen Figur verhaftet. Die Werke sind in der Steingusstechnik entstanden. Es entsteht zunächst ein Tonmodell von dem Abformungen in Gips (für Unikate) oder in Silikon (Auflagen) angefertigt werden. Der endgültige Guss (Feinbeton) wird dann mit einem Gemisch aus Spezialzement, Wasser und Quarzsand hergestellt. Köbler beschreibt die Materialmischung als „extrem hart und wetterfest“. Die Oberflächen wirken durch den feinen Quarzsand sehr glatt und unterstützen den Eindruck der Ruhe und einer naturalistischen Ausformung der menschlichen Figur. Sanfte Übergänge und glatte Oberflächen dominieren, alles expressive in den Gestaltungsprinzipien ist stark zurückgenommen. Die Figuren sind auf sich selbst konzentriert und in einer geschlossenen Komposition angelegt.

Bei Gabriele Köbler wird Farbe zur Akzentuierung eingesetzt. Die Farbgebung folgt einem dreiteiligen Farbsystem. Ihre Figuren sind nicht bunt oder grell, sondern unterstützen dezent in ihrer Abstimmung aufeinander den Gesamteindruck. Die Farben werden dabei mittels durchscheinend-transparenter Lasurtechnik und trockenem-deckendem Farbauftrag aufgebracht. Da die Figuren bekleidet sind, verortet Gabriele Köbler ihre Frauen- und Männergestalten in der Gegenwart, sie interagieren mit den Betrachtern in einem sehr zurückgenommenen Sinn. Sie verstehen sich als Teil unserer Gemeinschaft, sie sind unter uns und binden sich ganz selbstverständlich in den Gesamtzusammenhang mit ein. Und manchmal wecken sie – wenn auch sehr unterschwellig – ein gewisse Erwartungshaltung, wie etwa die „Stehende Schwimmerin“, die am Rande des kleinen Teiches aufgestellt ist.

Die Arbeiten von Stefanie Welk sind aus Draht gefertigt, genauer gesagt aus weichgeglühtem Draht in einer Materialstärke bis 5mm. Somit kann sie den Draht manuell ohne maschinelle Hilfen biegen. Die kleineren Figuren werden dann geknotet, die größeren sind an den Berührungspunkten des Drahtgeflechts geschweisst. Die Drahtplastiken werden von der Körpermitte, vom Körperkern aus aufgebaut. Hier liegt der Schwerpunkt der menschlichen Figur, das Zentrum aller Bewegungsimpulse. Bewegung – Materie – Energie, die drei Säulen der Ausdruckswelt von Stefanie Welk sind in allen Figuren präsent und prägen das Erscheinungsbild und den dynamischen Charakter der Plastiken.

Bezeichnend für Welks Arbeiten ist die offen angelegte Komposition, die Figuren streben nach oben oder vorne, ihnen ist ein raumgreifender Bewegungsimpuls zu eigen, eine energiegeladene Bewegung. Das Geflecht des Drahtes gibt Durchblicke frei, es ist eine Öffnung der Figuren, ein Wechselspiel aus Positiv- und Negativräumen. Die Drahtlinien umspielen den Umriss eher als ihn zu erfassen, es sind letztlich bewegungsbetonende Linien. Dadurch wirken die Figuren wie Zeichnungen, die in die Dreidimensionalität überführt wurden, ohne aber ihre Leichtigkeit und ihr spielerisches Schweben zu verlieren. Dabei bedient sich Stefanie Welk einer expressiven Formensprache bei der sinnlichen Erfassung von Bewegungszuständen, d.h. wir nehmen nicht nur die Position der Figur im Raum wahr, sondern wir verbinden damit eine energetisch aufgeladene Ausdruckform bzw. einen energetisch motivierten Ausdruckswillen. Das Liniengerüst des Drahtes ist keine pure Nachzeichnung des Umrisses, es führt vielmehr zu einer Auflösung der Form. Somit werden die Plastiken dynamisiert, sie vermitteln keine eingefrorene Bewegung, es ist eher eine dynamisch-energetische Momentaufnahme die einen Bewegungsfluss suggeriert.

Einen relativ neuen Ansatz verfolgt Welk mit dem quaderförmigen Gerüst, das sie um die Figuren herum baut oder diese darauf stellt. Es entsteht ein Gegensatz zwischen tektonisch-geschwungenen Bau der Figuren und dem geometrischen Gerüst. Im Inneren ist freies Schweben angelegt, es entsteht dadurch ein Raum im Raum. Die Figuren können dieses Gerüst aber auch wie einen Sockel, eine Art Halt verstehen, an oder auf dem sie schweben, stürzen, hängen, fallen oder sitzen können. Sie sind eher passiv einer an ihnen wirkenden Kraft ausgeliefert. Fast träumerisch in ihrem Tun scheint der Bewegungsimpuls zurückgenommen, aber er kann sich auch – wie bei der hier ausgestellten Figur „Im Orbit“ – plötzlich und sehr heftig Bahn brechen. Das Abgrenzen zum Umgebungsraum mittels eines quaderförmigen Aufbaus kreiert eine Art Mikrokosmos, in dem die Naturgesetze den künstlerischen Vorstellungen Stefanie Welks zu folgen scheinen.

Ausstellungsraum Hauptstrasse 6

www.kunstverein-ladenburg.de

Pflanzenhandel Huben, Gregor-Mendel-Straße, 68526 Ladenburg, Mi, Sa + So 13-15 Uhr

Ausstellungsraum, Hauptstraße 6, 68526 Ladenburg, Mi, Sa + So 11.00-12.30 Uhr

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