Hundert unter Tausend+, Port25 Mannheim

Angelika Arendt, Simone Demandt, Andrea Esswein, Alexander Horn, Herbert A. Jung, Ingo Lehnhof, Gerd Lind, Margarete Lindau, Jonas Lundius, Eyal Pinkas, Caro Suerkemper, Konstantin Weber, Suse Wiegand und Nicolas Reinhart

bis 16.2.2020

100<1000+ ist die zweite Auflage des 2017/18 sehr erfolgreich gelaufenen Ausstellungs- und Verkaufsprojektes des Port25 – Raum für Gegenwartskunst. Auch in diesem Jahr vereint die Schau wieder etwa hundert Kunstobjekte, die ihren Weg zu Liebhabern, Sammlern und Unterstützern finden sollen. Einige der Arbeiten sind schon für unter 100 Euro zu erhalten, der höchste Preis liegt aber dieses Jahr bei fast 5000 Euro. War das Motto der Vorgängerausstellung noch „einhundert unter tausend“, d.h. die teuersten Stücke lagen immer noch unter der 1000 Euro-Grenze, so verbirgt sich dieses Jahr hinter dem kleinen Sonderzeichen +, die nach oben geöffnete Höchstpreisgrenze.

Gleich am Anfang der Ausstellung hängen Werke von Eyal Pinkas, der auch in der vorigen Schau des Port25 vertreten war. Seine Fotografien erzählen Geschichten, sie entziehen sich aber einer eindimensionalen Deutung, da ihre Erzählstruktur sich aus sich selbst heraus ergibt. Pinkas liefert den Stoff, den sich der Betrachter zu eigen machen kann. Er achtet darauf, dass das Unbestimmte und das Assoziative seinen Platz in seinen Fotografien behält. So überlässt er beispielsweise dem Bildbearbeitungsprogramm die kompositorische Aufgabe einzelne Elemente wie einen Ball, eine Maske oder Gummihandschuhe aus verschiedenen Aufnahmen zusammenzusetzen und diese dann selbständig in ein zweites Bild  einzufügen. Pinkas Zusammenstellung und Präsentation von bekannten Dingen, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst werden und in diesem neuen Wirkzusammenhang eine andere Geschichte erzählen können, findet in sehr vielen seiner Fotografien statt. Er zeigt in seinen Werken Möglichkeiten auf, Bekanntes neu zu ordnen, zusammenzustellen und in eine andere Dimension zu überführen. Es gleicht einem Wiedererkennen, wobei der Kontext und die sinnhaften Schichten aber anders gelagert sind und neuen Sichtweisen und Erfahrungen erzählerischen Raum geben.

Die menschliche Figur steht im Zentrum des malerischen Schaffens von Ingo Lehnhof. Die Motive seiner porträthaften Ölbilder stellt Lehnhof in leuchtenden Farben und sinnlicher Plastizität dar. Viele seiner Bilder sind Selbstporträts, auch hier im Port25 ist er selbst auf dem Rücken treibend unter den Schwimmenden. In den drei Gemälden betont Lehnhof Lichtwirkungen und den malerischen Effekt des Wassers, das die Körper umfängt, umspielt und umfließt. Es sind gemalte Momentaufnahmen, Lehnhof fängt das Flüchtige des Augenblicks ein, die Leichtigkeit der Körper, die im Wasser schweben und die fließende Bewegung des Wassers mit ihren Lichtreflexen und den kleinen Schaumkronen, die gerade noch zu sehen sind, bevor sich die Luftblasen wieder ganz natürlich auflösen. Der Fokus liegt weniger auf dem Schwimmen, es geht viel mehr um das sich Abkühlen, sich treiben lassen, um ein Befinden und Erleben eines Augenblicks in flirrender Hitze. Das satte Leuchten der Farben hebt die Figuren hervor, lässt sie aufscheinen aus der Folie des Wassers und zugleich versinken die tieferen Schichten schemenhaft im Dunkel des sie schluckenden Wassers. Seine wandfüllende Installation von Fotomanipulationen „Photoplay“ ist dagegen ein augentäuscherisches Meisterwerk. Er montiert in bekannte und unbekannte alte Fotografien die Gesichter seiner Partnerin Ana Laibach und sich selbst hinein. Es sind humoristisch-selbstironische Zitate und Umdeutungen von Stars und Sternchen, die ohne Rücksicht auf Eitelkeiten oder Schönfärberei bildliche Geschichtsklitterung im positivsten Sinne betreiben: schräg, skurril und witzig.

Versinken die Figuren von Ingo Lehnhof im Dunkel des Wassers, so tauchen die Motive bei Andrea Essweins Copy-Collagen und Kopiegraphien aus dem Dunkel hervor. Sie tauchen auf, sie lösen sich scheinbar aus dem Dunkel und brauchen doch die obskure Schwärze, um strahlen zu können. Die Motive werden zunächst mehrfach fotokopiert, daraufhin zerschnitten und wieder zusammengesetzt. Das Endergebnis ist neues Bild, so wie es ursprünglich nie fotokopiert war. Es setzt sich aus einzelnen zurechtgeschnittenen Teilen zusammen. Eine Kunstharzschicht überzieht die Arbeiten und schützt sie gleichzeitig. Die Glanzschicht hat zudem eine altmeisterliche Wirkung und verleiht den Werken die Aura gemalter Bilder. Vielfältigste Motive wie Blumen, Tiere, zusammengeknüllte Papierobjekte, Porträts oder sogar tanzende Figurendarstellungen kann Esswein in ihren kopierten und collagierten Werken zum Leben erwecken. Die größeren Arbeiten müssen schließlich auch in Einzelteilen fotokopiert werden, da sie in Gänze nicht auf den Kopierer passen würden. Esswein spielt aber auch mit der Größe der dargestellten Objekte, ihre Serie von Schmetterlingen, die sie in einem Glasschaukasten auf einem Wiener Flohmarkt gefunden hat, führt dies deutlich vor Augen. Vergrößert fotokopiert und auf Leinwand aufgeklebt, erscheinen „Zitronenfalter“ und „Ochsenauge“ gleichsam riesenhaft und durch die entstandenen Verzerrungen und Deformationen wirken sie nicht mehr schaukastenhaft aufgepinnt, sondern sind diesem Präsentationszustand seltsam entrückt. Ganz aktuell entstehen auch ungegenständliche Bilder, Esswein nutzt hierbei fast leere Tonerkassetten, die ein helles, punktartiges Muster auf den dunklen Flächen entstehen lassen und setzt diese zu einer quadratmetergroßen Copy-Collage auf Leinwand zusammen.

Die Ölbilder von Alexander Horn sind kleine, auf Holz gemalte Landschaftsdarstellungen. Sie basieren auf Fotografien, die der Künstler von Wetterphänomenen gemacht hat. Dunkle Wolken, Lichteinfälle sowie atmosphärische Stimmungen setzt Horn in seinen Bildern um. Er legt dabei ein Art Weichzeichnereffekt über die Bilder. Bevor sie trocken sind, verstreicht er mit einem weichen Pinsel die oberste Malschicht. Dies hat zur Folge, dass alle Schärfen und harte Kanten verschwinden, alles fließt ineinander, die Kontraste und eine stimmungshaft-numinose Wirkung erhalten die Oberhand, die Serie gibt er den programmatischen Titel „Bilder vom Ende der Zeit“. Nicht die genaue Wiedererkennbarkeit dominiert, sondern das Allgemeine und die Bevorzugung der Stimmung werden zum Diktum der Bildwirkung. Der Ort könnte überall sein, die erzielte Stimmung und das Ineinanderfließen der Farben, Flächen und Motive schafft einen Gesamtraum, der einzig von Licht- und Wetterphänomenen geschaffen und beeinflusst wird. Das Spektrum reicht bei Horn von Landschaften bis hin zu reinen Wolkenbildern, hier erreicht der Abstraktionsgrad seinen Höhepunkt. Es ist nicht die Stimmung der Landschaftsdarstellung, die die Wirkung ausmacht, es ist nur das rein stimmungshafte Faszinosum des Wetterschauspiels, der die Landschaft ausgesetzt ist. Und Alexander Horn bannt dies mit malerischer Einfühlung in Öl auf den Bildträger.

Akustisch untermalt wird die Ausstellung alle 30 Minuten durch eine Audioinstallation von Nicolas Reinhart, die in ihrer anpreisenden Machart an die Warenhaus-Ästhetik vergangener Zeiten erinnert. Einem akustischen Signal bzw. einer einleitenden Melodie folgt eine Durchsage, die die Werke dem Zuhörer ans Herz legt. Als eine Art Wachmacher und akustisches Werkzeug gibt es für den Besucher immer wieder was auf die Ohren Und der „Räumungstermin“ steht auch schon fest, am 15.2.2020 findet die „lange Nacht des Kaufens“ statt, von 18-23 Uhr kann man im Late Night Shopping alles erwerben, in das sich unser Herz für Kunst verliebt hat.

Ingo Lehnhof, „im Wasser V“

Late Night Shopping: 15.2.2020 von 18-23 Uhr

www.port25-mannheim.de

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstr. 25-27, 68159 Mannheim

Mi-So 11-18 Uhr, Eintritt frei

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