Port25 meets B-Seite

Martin Backes, Johannes Beyer & Tobias Gallé, Lars Breuer, Werner Degreif, Juliane Gutschmidt, Schirin Kretschmann, Skafte Kuhn, Ana Laibach, Nika Oblak & Primoz Novak, Roland Schappert

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, bis 7.5.2017

B-Seite – das Festival für visuelle Kunst und Jetztkultur – feiert dieses Jahr sein 10-Jähriges Jubiläum. In Kooperation mit dem Port25 ist eine Ausstellung entstanden, in der beide Seiten Künstler einladen konnten. Zum einen bespielen die Künstler, die vom Port25 eingeladen wurden, im Raum frei aufgestellte Stellwände bzw. den im Raum stehenden Aufzugsschacht und zum anderen wird diese Präsentation durch Künstler aus den Bereichen New Media und Digital Art ergänzt, die auf Einladung von B-Seite hinzugekommen sind. Als besonderen Höhepunkt lassen dabei Johannes Bayer & Tobias Gallé im laufenden Ausstellungsbetrieb das Kunstwerk „XYZ“ entstehen, eine virtuell-animierte Installation an der jeder als Workshopteilnehmer mitmachen konnte.

Wenn man den langen Treppenaufstieg ins Obergeschoss des Port25 gemeistert hat und um die Ecke biegt, steht man immer vor dem Aufzugschacht, der zunächst den Blick auf den Gesamtraum verstellt. Um ihn herum geht es immer, er ist wie ein Einstiegspunkt in die Wand zum Klettern, wie eine Sichtbarriere, die viel verstellt aber eben auch schon etwas erahnen lässt, weil sie Teile des Ganzen freigibt. Man muss sich seinen Blick oder seinen Weg in die Ausstellung um diesen Aufzugsschacht herum erlaufen. Genau diesen Ankerpunkt des Raumes nutzt Skafte Kuhn in seiner Installation „Einer kommt, einer geht„, Wand für Wand ergänzen sich bei ihm die Bruchstücke. Es sind zusammengesetzte Fragmente, die aber kein Ganzes ergeben, man sucht weiter, man umrundet den Schacht und entdeckt weitere Einzelteile. Es ist wie eine Art 3D-Puzzle, das aber keine fehlenden Stücke offenbart, sondern ständig neues und anderes, eine Weiterentwicklung nicht nur der Installation, sondern auch der Wand und des Raumes, der sie beherbergt.

Daneben füllt Werner Degreif eine Stellwand flächendeckend mit PET-Flaschen. Es ist eine riesige Kohle- und Kreidezeichnung, die den Titel trägt „Alles schön im Vorübergehen„. Die massenhaft gestapelte und sich wiederkehrend-austauschbare, sich ständig wiederholende Konsumwelt unserer Supermärkte reizt Degreif zum Verweilen. Er zeichnet gerne vor Ort und hält das fest, was wir im Vorübergehen bestenfalls nur noch selektiv wahrnehmen. Ins Megalomane übersteigert setzt er die Zeichnung zusammen, vieles verfließt, ist versatzstückartig gekoppelt und schiebt sich überlappend ineinander, es wirkt dadurch wie eine eingefrorene Bewegung, wie ein festgehaltener Moment unseres Alltags in den Warentempeln des Konsums und den Materialschlachten der Baumärkte.

Nach der Präsidentschaftswahl von Donald Trump sagte sein Vorgänger Barack Obama: „Und auch morgen scheint die Sonne wieder„. Diesen Satz macht Ana Laibach zum Titel ihrer vielteiligen Präsentation. Auf der A-Seite der Stellwand reiht sie in Originalgröße in schwarzer Tusche gezeichnete Atomsprengköpfe aneinander. Die harten Schwarz-Weiß-Kontraste der Zeichnung passen zur Thematik, plakativ und deutlich zeichnen sie ein Bild der Gefahr und der Bedrohung. Aber wie der Bildtitel schon sagt, und auch morgen scheint die Sonne wieder. Auf der Rückseite der Stellwand, der B-Seite, ist ein vielteiliger Kosmos der Bildwelt von Ana Laibach zu sehen. In ihren Leinwand-arbeiten, Monotypien, Gouachen, Zeichnungen, Fayencemalereien auf Keramik und Laminationen entfaltet Laibach ihre ganz eigene Bildwelt: witzig, mit provokativem Charme und immer gut beobachtet. Wild-ungezähmtes wechselt sich mit Idyllisch-bissigem ab, nichts steht für sich selbst, sondern verbindet sich miteinander zu einer eigenständigen Bildsprache zwischen durchdachter Gegenwärtigkeit und reflektierter Spontaneität.

Die Videoarbeiten des Künstlerduos Nika Oblak & Primoz Novak funktionieren an der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Mit Hilfe pneumatischer Apparaturen werden Aktionen, die in einem Video ablaufen in eine reale Struktur übertragen. Schläge und Tritte beulen das Gehäuse aus, aufgeblasene Luftballons scheinen es zu sprengen bevor sie endlich zerplatzen und ein gemaltes Schild mit der Aufschrift „Reality“ wird plötzlich aus dem Video in den Raum verschoben. Die Videos sind oft laut, manchmal aber auch von einer stillen Entschleunigung getragen. In jedem Fall arbeiten sie mit einer grenzüberschreitenden, kinetischen Verfremdung, einem überraschenden und augenzwinkernden Effekt.

Die Powerballaden der 90er werden von Martin Backes in seiner Arbeit „What do machines sing of?“ durch ein Computerprogramm in Töne übertragen. Es wirkt zunächst wie eine Art Karaoke-Maschine, tatsächlich überträgt ein Programm in Echtzeit den Originaltitel in ein instrumentales Musikstück und der Songtext läuft dazu auf einem Bildschirm mit. In Dauerschleife laufen 5 dieser Balladen, live und in schwarz-weiß hintereinander. Jedes mal wird dabei das Lied durch den Computer neu errechnet und er tut dies tatsächlich mit nur geringen Abweichungen. Künstliche Intelligenz scheint hier endlich einmal Emotionen hervorzubringen. Allerdings ist es nur ein von Backes kalkuliertes Spiel aus technischen Effekten und unserer Wahrnehmung, die dann nur die Erinnerung an Emotionen wachruft.

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstr. 25-27, 68159 Mannheim

Di-So 12-18 Uhr

Eintritt frei

www.port25-mannheim.de

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