Das, was bleibt – Gräf, Hüttermann, Ruppert, Port25 Mannheim

Irina Ruppert, Dieter M. Gräf, Marvin Hüttermann

Über Stille, über Leere, Über Reste

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, bis 5.3.2017

Die Ausstellung „Das, was bleibt“ im Port25 in Mannheim beschäftigt sich mit der Frage, was nach dem Ableben eines Menschen noch von ihm übrig bleibt. Welche Spuren hinterlässt der Tote im Diesseits, welche Gegenstände zeichnen posthum noch ein Bild des Verstorbenen, welche Hinter-lassenschaften erzählen welche Geschichte über einen Menschen, wie ordnet sich der Nachlass zu einem Bild oder zu einer Erinnerung eines vergangenen Lebens. Die Dinge, die bleiben, rücken in der Ausstellung in den Fokus, sie stehen für Gegenwart und Vergangenes und sie werden dies auch in der Zukunft tun. Im Port25 werden drei Positionen präsentiert, Dieter M. Gräf zeigt Fotografien aus seinem Elternhaus, Marvin Hüttermann stellt Bilder einander gegenüber, die das zeigen was geblieben und was bereits gegangen ist und Irina Ruppert inszeniert den sammlerischen Nachlass einer Bekannten.

Port25 Mannheim
Blick in die Ausstellung

Die große Chance

Der Ludwigshafener Dichter Dieter M. Gräf erbt nach dem Tode der Mutter sein Elternhaus. In diesem Haus finden sich noch tausende Gegenstände seiner Eltern und natürlich noch viel mehr Erinnerungen. In seiner Aufarbeitung spürt er dem Vergangenen nach in dem er das Verbliebene bildlich festhält. Mit der Handykamera seines IPhone3, mit dem er auch aus kamerauntypischen Perspektiven und Winkeln Fotos machen kann, entsteht eine Bildserie von sehr privatem Charakter. Die Fotos im Port25 sind C-Prints auf Papier, die Vergrößerung rückt die oft angeschnittenen Motive in eine eigenwillige Nahsicht und somit entsteht eine spürbare Intimität. Der gewählte Ausschnitt, die extreme Nahsicht, das Kamerarauschen der digitalen Bilder und der nostalgisch anmutende Charme des Dargestellten verbinden sich zu einer Bildserie, die sehr persönlichen Charakter besitzt. Aus der grobkörnigen Oberfläche der Fotos und aus ihrer eher dunklen Farbigkeit, die mit Lichtreflexen durchzogen ist, tauchen verschwommen aus dem Verborgenen die Erinnerungen auf, wie einzelne kompakte Momente, die aber in der Realität verankert sind.

Es ist so nicht gewesen

Der Titel der ausgestellten Serie von Marvin Hüttermann lässt vieles offen und genau das umschreibt den Ausgangspunkt seiner Fotografien: was bleibt eigentlich nach dem Tod eines Menschen von ihm übrig. Marvin Hüttermann stellt Bilder zusammen, die sich mit dem Verbleiben und dem Verbleichen beschäftigen. Auf der einen Seite zeigt er materielle Hinterlassenschaften und auf der anderen Seite das, was Gegangen ist. Stille und Leere werden die sterblichen Überreste gegenübergestellt. Die kleinen Stillleben des Alltags stilisiert Hüttermann als ruhenden Pol des Hier und Jetzt und stellt sie den geschäftsmäßigen Handlungen des Verschwindens in Bestattungsunternehmen und Krematorien zur Seite. Aber selbst in dem Teil, der bleibt, wird es zunehmend leerer, denn am Ende der Trauer steht die Veränderung. Persönliche Gegenstände werden von Angehörigen an sich genommen, die Wohnung bzw. das Haus danach entrümpelt und neu bezogen oder veräußert. Dem gegenüber steht der Teil des Menschen, der geht. Hüttermann zeigt ihn in einer schonungslosen Drastik, was oft schwer auszuhalten ist. Die Farbigkeit der meisten Fotos von Hüttermann ist sehr zurückgenommen oder es sind Schwarz-Weiss-Aufnahmen in einem eher kleinen, persönlichen Format. In allen Fällen entstehen dabei Bildpaare, die von Melancholie, Trauer und Strenge durchweht sind.

Heidrun

Aus dem Nachlass ihrer Bekannten Heidrun stellt Irina Ruppert 278 Hände aus, die diese über einen langen Zeitraum gesammelt hatte. Vom Flaschenöffner über den Aschenbecher bis hin zum medizinischen Handschuhhalter hatte Heidrun alles zusammengetragen, einige der Hände standen in ihrer Wohnung, die anderen waren sorgsam im Keller verwahrt. In dem Nachlass befinden sich auch 200 Tagebücher, die die Künstlerin gelesen und durchforstet hat. Ruppert versteht das Lesen der Tagebücher wie eine Art Eindringen in die Privatsphäre, liest sie doch darin die persönlichsten Dinge – auch über andere ihr bekannte Personen – und versucht daraus Persönlichkeitsspuren der Verstorbenen aufleben zu lassen. Es ist eine Gratwanderung aus Zurschaustellen von Gesammelten und dem Schaffen von Bezügen zur Ausgangsperson und Sammlerin Heidrun. Jede einzelne Hand hat Ruppert wie in einer Produktfotografie inszeniert und abgelichtet. Gleich unten im Erdgeschoss des Port25 hat sie 32 Papierabzüge in einem Rahmen zusammengestellt. Die getroffene Auswahl und das gegenseitige Bezugnehmen der Bilder schafft ein Spannungsfeld und erzählt dabei kleine Geschichten. Ernest Hemingway gewann einmal eine Wette, er hatte behauptet er könne eine Kurzgeschichte schreiben, die weniger als 10 Worte umfasst. Letztlich waren es sogar nur sechs und es entstand eine Geschichte hinter dem sichtbaren Text. Etwas ähnliches geschieht bei Rupperts Händebildern „Tagebuch 1953 bis 1974“. Nicht das was man sieht, sondern das was sich im Kopf abspielt, erzählt für jeden Betrachter seine eigene kleine Geschichte.

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstr. 25-27, 68159 Mannheim

Di-So 12-18 Uhr

www.port25-mannheim.de

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