Timelines, KV Ludwigshafen und Port25 Mannheim

ZEIT

Spuren – Zeichen – Verläufe

Timelines – Positionen in der zeitgenössischen Kunst

bis 6.11.2016

Die Ausstellung Timelines, gemeinschaftlich konzipiert und kuratiert vom Kunstverein Ludwigshafen und vom Port25 Mannheim,  zeigt verschiedene Ansätze und Positionen, die sich mit dem schwer fassbaren Begriff Zeit beschäftigen. Das Unsichtbare sichtbar oder wenigstens erfahrbar werden zu lassen, ist eine ambitionierte Aufgabe. Ein echtes Abbild von Zeit gibt es nicht, die Darstellung von Zeit bedient sich schon immer Hilfsmitteln zu ihrer Veranschaulichung. Timelines verbindet nun in zwei Ausstellungshäusern unterschiedliche künstlerische Positionen, mal pragmatisch orientierte oder sehr eigenwillig ritualisierte, aber auch manisch-besessene, die fast sklavisch einem klaren Ablauf ein- oder untergeordnet sind.

KV LU Port25
Blick in die Ausstellung, KV LU

Gleich zu Beginn der Ausstellung in Ludwigshafen begegnet man der Kanzlerin. In ihrer Serie „Spuren der Macht“ trifft sich Herlinde Koelbl ein mal jährlich mit Angela Merkel zu einem Interview und einem Porträtshooting. Die Entwicklungslinie innerhalb der Porträts ist linear, der zeitliche Verlauf in Jahressprüngen dokumentiert eindrucksvoll die Wandlung vom politischen Ziehkind zur mächtigsten Frau Deutschlands.

Zeitlich dichter ist das Kunstwerk „Zählarbeit“ von Jan Schmidt. Er brauchte für sein Projekt nicht mal ein Jahr. Die Blätter eines Strauches hat er gezählt und mit beschrifteten Klebepunkten versehen. Diese durchnummerierten Blätter hat Schmidt am Ende des Jahres wieder eingesammelt. In eigens dafür gefertigten Schaukästen spießt er die Blätter auf. Es entsteht eine Art zufälliger  Fingerabdruck des Findens, die Anordnung der Blätter in den einzelnen Kästen ist nur dadurch bestimmt, ob das Blatt wieder gefunden wurde oder nicht. So entstehen in den Schaukästen unterschiedliche Ordnungsstrukturen, Schmidt nennt dies „ein Archiv des Sommers.“

Den Central Park in New York hat Pia Linz zu Fuß erlaufen und kartografiert. Eigentlich hat sie ihn mit allen Sinnen erlebt, individuell gezeichnet und auch mit sehr speziellen Bemerkungen am Blattrand versehen. Es ist ein konsequent subjektiver Blick auf den Park, die Perspektive kippt von einer Drauf- zur seitlichen Ansicht und die Größenverhältnisse schwanken wie märchenhaft verzaubert. Feinlinig und zart auf dem ausgefalteten Riesenformat erscheint ein Plan, der über Wochen und Monate hinweg verfeinert und strukturiert wurde. Trotzdem bleibt es ein subjektiver Blick, mehr noch ein feinsinnig festgehaltenes Erleben von Natur, ein zeichnerisches Psychogramm des berühmten Parks im Herzen von Manhattan.

Herlinde Koelbl, Spuren der Macht, 1991-2008

Im Kunstverein Ludwigshafen stellen aus: Karin Hoerler, Byung Chul Kim, Herlinde Koelbl, Ae Hee Lee, Pia Linz, Jan Schmidt, Claus Stolz.

Port25 – Raum für Gegenwartskunst

KV LU Port25
Blick in die Ausstellung, Port25

Die Serie von Peter Dreher „Tag um Tag guter Tag“ bildet ein und dasselbe Wasserglas am selben Ort ab. Die Tageszeit variiert, es gibt jeweils eine Serie von Tages- und Nachtbildern, was aber nur in den Spiegelungen des Glases nachvollzogen werden kann. Seit 1974 läuft das Programm in Dauerschleife, 50 Bilder pro Jahr im gleichen Format, tausende Bilder sind inzwischen entstanden, weitere werden folgen. Die Gleichförmigkeit des Motivs wird nur durch kleine, kaum sichtbare Einzelheiten unterbrochen, kein Bild ist wie das andere. Trotzdem ist das Prinzip der Wiederholung Basis und Ausgangspunkt, für Dreher ist dieses Stilleben-Projekt der Taktgeber seines Schaffens.

Eine Videoarbeit von Oscar Muñoz zeigt den verzweifelten Versuch gegen das Entschwinden anzukämpfen, denn auch die Gegenwart ist nur von kurzer Dauer. Eine Hand mit einem in Wasser getränkten Pinsel versucht auf heißem Straßenpflaster ein Gesicht zu zeichnen. Das warme Pflaster lässt das Wasser schnell trocknen, so daß ständig nachgearbeitet werden muß, um die inzwischen verschwundenen Partien des Kopfes wieder ins Bild zurückzuholen. Der Kampf gegen Windmühlen ist vergeblich, das Austrocknen symbolisiert die Vergänglichkeit der Gegenwart, was eben entstanden ist, wird durch die Zeit auch wieder ausgelöscht.

Aus dem „System“ von Konstantin Voit wird im Port25 an einer großen Stellwand eine Auswahl von 248 Blättern und Objekten gezeigt, das sogenannte Kernsystem. Das gesamte System wird irgendwann einmal 1000 einzelne Stücke umfassen. Der Ideenkatalog ist überzeitlich angelegt, er kennzeichnet zum einen das Ideenkonzept von Voits künstlerischem Schaffens und zum anderen ist es eine Sammlung, eine Kategorisierung und Ordnungssystem, das sich aus der eigenen Biographie speist und als eine Art Motor des künstlerischen Handeln zu verstehen ist. Jedes einzelne Stück hat seinen Platz im gesamten Kosmos von Voit, jedes ist ein wichtiger Baustein, eine Inspirationsquelle und eine Art Leitgedanke. Die Blätter und Objekte stehen nicht für sich selbst, sie sind wie Verbindungsstücke, die dem Ganzen Halt und Struktur geben. Die Wand ist akribisch unterteilt in Quadrate und Diagonalen, die einzelnen Stücke sind geordnet und mittig plaziert. Ihre klare Ordnungsstruktur lässt eine sichtbare und fühlbare Vernetzung entstehen, der aber auch ein zeitlicher Verlauf zugrunde liegt.

Siegfried Anzinger, Zeichnungen, 2015

Im Port25 stellen aus: Siegfried Anzinger, Collaboration_Patrycja German / Holger Endres, Claudia Desgranges, Peter Dreher, Jürgen Krause, Oscar Muñoz, Jens Risch, Konstantin Voit.

Kunstverein Ludwigshafen, Bismarckstr. 44-48, 67059 LU

Di-Fr 12-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

www.kunstverein-ludwigshafen.de

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstr. 25-27, 68159 MA

Di-So 12-18 Uhr

www.port25-mannheim.de

KV LU Port25

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