Atelierbesuch: Alexander Horn im Interview

Alexander Horns Suche nach Bildern

Die Begegnung mit Alexander Horns Malerei ist genauso bereichernd wie ein Gespräch mit ihm zu führen. Im Interview gelingt es dennoch nur fragmentarisch seiner Arbeitsweise und seiner künstlerischen Absicht näher zu kommen. Und genau das ist es, was seine Bilder wirken lässt. In ihnen ist seine künstlerische Haltung, sein Intellekt und seine Sicht auf unser Menschsein und der Suche in diesem nach seiner Ursprünglichkeit spürbar.

A.Horn

KB-MA: Du beschäftigst Dich viel mit Literatur und Philosophie. Kann man sagen, dass auch bestimmte Autoren und ihre Ideen und Erklärungsansätze auf Deine Bilder wirken?

A.Horn: In meinen Bildern ist es mir sehr wichtig, dass sie als Bild funktionieren und nicht als Text. Bild ist für mich immer Bild und nicht Literatur. Somit bewege ich mich immer weg von Text und vor allem weg von einer Symbolhaftigkeit. Das heißt aber nicht, dass nicht auch gewisse Gedanken eine Rolle spielen, während ich ein Bild anfertige. Diese Gedanken sind im Bild aber nicht sichtbar, sondern steuern vielmehr meine persönliche und wohl eher unbewusste Motivation bei der Entwicklung. Im Titel dagegen kann durchaus noch ein Fragment oder ein Zitat dieser Gedanken vorkommen.

KB-MA: Passiert es vielleicht auch mal, dass Dich eine Bildidee unmittelbar anspringt bzw. spontan entsteht?

A.Horn: Unmittelbar und spontan entstehen meine Bilder eher selten, aber es kommt vor.  Aber wie gesagt, das ist eher die Ausnahme.  Ansonsten ist es immer ein Entlangarbeiten an Motiven, bis zu einem Punkt, an dem ich das Gefühl habe, jetzt passiert etwas und daraus generiere ich das, was ich aus diesem Prozess heraus für gut erachte.

KB-MA: Das begegnet Dir dann aber auch in Literatur, Film, Comic und Fotografie?

A.Horn: Prinzipiell ja.  Wenn man in eine gewisse Richtung denkt, hat man auch eine gewisse Fokussierung, wie beispielsweise in der Boxer-Serie, die vor ein paar Jahren entstanden ist. In dem Moment, wo ich mich intensiv mit dem Thema Boxen auseinandergesetzt habe, habe ich auch eine größere Aufmerksamkeitsspanne zu dieser Thematik und bin dann auch wesentlich offener.  Alle Dinge, mit denen ich mich dann während dieser Phase beschäftige – das kann Literatur oder auch Musik sein – fließen dann bewusst oder unbewusst in den Arbeits- und Entwicklungsprozess mit ein.

KB-MA: In der Boxer-Serie findet man extreme Nahansichten bzw. eine starke Ausschnitthaftigkeit. Ist das ein bewusstes Stilmittel, um in diesem Fall womöglich die dahinterstehende Gewalt und den darin liegenden Schmerz stärker zu betonen, bzw. eine größere Nähe zum Protagonisten herzustellen?

Alexander Horn
Teilnehmer 15, 2007
Alexander Horn: Teilnehmer 1, 2008
Teilnehmer 1, 2008

A.Horn: Nein – es ging mir in dieser Serie eher um das dahinterstehende Spektakel, weniger um die Schmerzen und die Gewalt, die bei diesem Sport ja dazu gehören. Der Eindruck von Closeups trifft zu, da ich Motive gerne zerlege und den Blick auf Details richte.  Diese Form der Umsetzung ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass ich in diesem Fall die Motive sehr schnell auf sehr kleinen Formaten entwickelt habe.

KB-MA: Eine ähnliche Ausschnitthaftigkeit eines eher belanglosen Fotodetails findet sich auf einem Bild mit den beiden Peanuts Charlie Brown und Lucy. Steckt da nicht doch Absicht dahinter?

Alexander Horn
O.T., 2011

A.Horn: Das war doch auch eher zufällig. Das war einfach ein tolles Motiv. Ein Mann in Handschellen, der seinen Sohn auf dem Schoß sitzen hat und der dieses Peanuts-Shirt trägt. Da hat mich dieser Gegensatz gereizt: Handschellen und Comic. 

KB-MA: Oft haben Deine Bilder und Zeichnungen eine Aura des Unnahbaren, Geheimnisvollen – verstärkt durch Deinen Hang zu Schwarzweiß.

A.Horn: Ich habe definitiv eine Affinität zur Farbe Schwarz. Das ist für mich aber nicht Ausdruck einer Negativität oder Depression. Das hat vielmehr mit den Ursprüngen meiner Kunst zu tun. Ich komme aus der Zeichnung und habe mich, als ich mit dem Malen begann, in Farbe auch nicht wirklich wohl gefühlt. Darum komme ich immer wieder gerne auf harte, grafische Ausdrucksweisen zurück, die ich persönlich sehr schätze.

KB-MA: In einem sehr starken schwarz-hell-Kontrast sind auch aktuelle Arbeiten. Hier recken sich die Gesichter dem Betrachter aus einer tiefen Schwärze förmlich entgegen. Was steckt dahinter?

Alexander Horn
O.T., 2014

A.Horn: Das Prinzip ist relativ banal. Durch starke Kontraste kann man eine größere Plastizität erzielen. Es ist eine Herausforderung für mich auszuloten, wieviel Licht ich brauche, damit eine Figur oder ein Gesicht noch erkennbar ist.  Darum arbeite ich auch mit verschiedenen Schwarztönen; also mit Bleistift, schwarzem Aquarellstift und Ölkreide. So entsteht auch eine unterschiedliche Materialität, was wiederum die Abbildung dynamisiert.

KB-MA: Meistens erarbeitest Du Dir Deine Motive über Fotovorlagen?

A.Horn: Ich brauche etwas Reales, an dem ich mich festhalten kann, und verzichte weitestgehend auf Symbole, weil ich den Anspruch habe, dass meine Zeichnungen aus sich heraus funktionieren, ohne dass zu viele Verweise vorhanden sind.

KB-MA: Woher kommen die Vorlagen?

A.Horn: Von überall her – zum Teil mache ich selbst Fotos oder ich verwende alte Familienfotos. In der Verwertung achte ich aber sehr darauf, dass die Vorlage als solche nicht mehr erkennbar ist.

KB-MA: Ich möchte noch mal auf die Rätselhaftigkeit, das Unnahbare in Deinen Figuren zu sprechen kommen. Auf diese Frauenfigur beispielsweise, deren Haar regelrecht in einer schwarzen Wolke zu explodieren scheint.

Bleistift Papier, 21 x 17 cm
Pilgrims 9, 2013
Bleistift Papier, 21 x 17 cm
Pilgrims 11, 2013

 

A.Horn: Ja das kann man so lesen, es sieht erst mal brutal aus, aber eigentlich ist es als ein Zitat des amerikanischen Fotografen Ernest J. Bellocq zu verstehen, der in den 20er Jahren Aufnahmen von Prostituierten gemacht hat.  Auf einigen der Negative sind die Gesichter durch Zerkratzen unkenntlich gemacht. Diese Kratzspuren auf den Fotos fand ich sehr reizvoll und habe sie darum in diese Zeichnungen hier überführt.

MA: Gehört da auch dieses Frauenporträt dazu, die eine ähnliche Kopfhaltung hat wie die andere Frau?

Frau_explo Haar
Go Get Some, 2016
SONY DSC
Shanti, 2016

A.Horn: Nein, das ist ein ähnlicher Gedanke, das wirkt ja dann auch fort, wenn man das erstmal gemacht hat. Und das sollte dann eigentlich eine Vermengung sein von beidem – diese harten, sehr starken Bleistift-strukturen wie auch wieder das Gesicht, der Kopf, die Figur, die aus dem Dunklen hervortritt, um so eine Ununter-scheidbarkeit zwischen Motiv und Hintergrund herzustellen, durch die die Ebenen miteinander verblendet werden. Deshalb befinden sich auf den Zeichnungen auch noch auslaufende Striche, durch welche das graphische Element noch sichtbar ist, aus dem dann das Kernelement, das Motiv, entsteht.  Also das hat ja beides. Einerseits das Motiv, aber auch das nur graphische Zeichen, welche dann als Summe zum Motiv führen.

KB-MA: Hier in Deinem Atelier finde sich auch einige wenige Großformate. Wann oder aus welchen Gründen entscheidest Du Dich für welches Format?

A.Horn: Das kommt immer darauf an, was für eine Mühe ich mir machen möchte und was das Motiv hergibt. Ich verwende oft Motive, bei denen ich das Gefühl habe, dass es im kleinen Format besser funktioniert. Ich bin jetzt auch nicht so ein Vertreter von groß ist größer und ich habe nun mal ein Faible für die kleinen Formate. Man kann diese eben auch schnell herstellen und wenn etwas misslingt, ist es nicht so schlimm, wenn man mal zwei Stunden Arbeit in den Papierkorb wirft.

Alexander Horn
Serendipity, 2014
Alexander Horn
Childlike Faith In Childhood’s End, 2015-16

KB-MA: Vielleicht hast Du auch ein bisschen Respekt vor großen Formaten?

A.Horn: Nein – das ist nicht der Grund. Ich male auch gerne mal ein großes Bild und das meist mit Verve.  Aber bei den Großformaten neige ich dazu, ein bisschen expressiver zu werden. Das finden viele Leute zwar toll, weil es nicht so kontrolliert, sondern freier wirkt, aber mich stört da etwas, denn ich bin viel zu sehr Kontrollfreak. Beim großen Format werde ich zu locker. Darum mag ich das kleine, intimere Format tatsächlich lieber. Ich fühle mich da wohler.

_DSC4752
Detail aus Childlike Faith In Childhood’s End, 2015-16

KB-MA: Das ist aber schön, dass Du das so für dich siehst. Trotzdem glaube ich, dass das lockere Dir auch gut tut.

A.Horn: Keine Ahnung, was mir gut tut.  Wenn ich ein kleines oder großes Bild anfertige, das mir gefällt, ist das Grund genug.  Vielleicht habe ich auch eine Affinität zum Kleinformat, weil es zunächst eine gewisse Fokussierung erfordert, man muss nah dran, man schaut genauer hin.

KB-MA: Bei Deinem neuen Bild mit dem kleinen Kind mit den farbigen Schuhen hast Du ein Großformat und trotzdem bist Du da auch in der geheimnisvollen Welt unterwegs.

A.Horn: Es gibt noch eine zweite Version von diesem Bild, eine kleine Zeichnung, das war erstmal spontan. Ich habe kurz überlegt, ob ich nicht etwas zum Thema Flüchtlinge machen möchte, da mich die Thematik sehr beschäftigt hat. Tatsächlich ist das ein Flüchtlingskind, von welchem ich ein Foto in einer Zeitung gefunden habe.  Das Gemälde heißt „Childlike faith in childhood‘s end“. Es geht um den Ekel vor der abgründigen Bosheit und Blödheit in der Welt, deren Opfer ich zeige.

KB-MA: Dazu zählt auch noch das andere Bild, das da noch steht?

A.Horn: Ja, aber nachdem ich das Bild gemalt hatte, war mir klar, das funktioniert nicht, das ist nicht mein Thema und hab das dann auch nicht weiter verfolgt und hab dann auch aus dieser Flüchtlingsthematik für mich etwas total anderes generiert. Da fand ich es falsch, daran weiter anzuknüpfen, man muss manchmal auch trennen können.

Alexander Horn
Skizze, 2015

KB-MA: Zu moralisch soll Kunst dann auch nicht sein?

A.Horn: Kunst hat mit Moral nicht viel zu tun.

KB-MA: Kann sie nicht bzw. darf sie nicht moralische Standpunkte vertreten?

A.Horn: Doch natürlich, aber ich finde, das sollte nicht die vornehmliche  Aufgabe der Kunst sein. Ich hatte das Gefühl, wenn ich mich mit der Flüchtlingsthematik beschäftige, dann muss ich dem Thema auch gerecht werden. Und das liegt nicht in meinem Vermögen.

KB.MA: Das heißt Du nimmst im Prinzip gesellschaftlich, politische Entwicklungen wahr, aber Du möchtest sie dann nicht aus malerischer Perspektive heraus bewerten?

A.Horn: Man hat immer eine Haltung.  Allerdings bin ich als Künstler kein Kommentator des Zeitgeschehens. Wenn ich etwas zu Politik sagen möchte, dann mache ich das verbal. Das ist direkter und ehrlicher, da es keiner Verklausulierungen oder Metaphern bedarf. Ich habe ja auch letztes Jahr dieses eine Bild gemalt, das ich allen Arschlöchern dieser Welt gewidmet habe. Das steht da auch drauf. Da muss man nicht lange rätseln.

KB-MA: Nichtsdestotrotz sind die Bilder der Flüchtlingskinder jetzt sehr eindrückliche Bilder, die stark wirken.

A.Horn: Klar, mir geht es ja in dem Moment, wenn ich mich mit Unglück beschäftige, auch um Schmerz. Und nirgendwo wird der Schmerz sichtbarer als bei den Opfern und die allergrößten Opfer sind nun mal die Kinder. Mir geht es um das Leid per se, welches man Menschen antut. Deshalb gibt es auch keinen weiteren Verweis, es bleibt der Mensch, mehr nicht. Man muss sich natürlich auch fragen, inwiefern man Leid überhaupt ästhetisieren sollte, und ob es überhaupt darstellbar ist …

KB-MA: Gibt es deshalb auch so viele Frauenfiguren in Deiner Kunst, weil sie eher Opfer der Gesellschaften sind?

Disparu, 2016
Disparu, 2016
O.T., 2009
O.T., 2009
Teilnehmer 1,5, 2007
Teilnehmer 1,5, 2007
The Waste Land 1, 2016
The Waste Land 1, 2016

A.Horn: Nein, gar nicht. Ich mag Frauen einfach. Ich werde das sehr oft gefragt. Frauen repräsentieren für mich eher das Gute- was auch immer man damit meinen mag- nicht das Opfer.

KB-MA: Ich habe einen absolut wunderbar geschriebenen Text von M. Weyers über Deine Kunst gefunden. Darin erwähnt er ein Zitat des amerikanischen Autors Thoreau: Give me a wildness no civilization can endure (gib mir eine Wildheit, die von keiner Zivilisation ertragen werden kann), das Du gebraucht hast. Ich würde darum sehr gerne wissen, was Du unter Wildheit verstehst?

A.Horn: Im Sinne von Thoreau verstehe ich Wildheit als ein Rückzug aus der Gesellschaft – ein sehr romantischer Gedanke. Und dann verstehe ich sie natürlich auch als ein zivilisatorisches Abkehrsymbol, ein Rückzug von allen Bequemlichkeiten hin zu einem nicht-zivilisatorischen Ordnungssystem,dem man sich anpasst oder unweigerlich untergeht. Das setzt natürlich einen sub- oder meta-zivilisatorischen Faktor voraus, nämlich eine Art von ruchloser Freiheit.  Weshalb ich damals dieses Zitat verwendet habe, ist mir heute nicht mehr ganz klar. Ich nehme an, dass mich damals diese Du-kannst-mich-mal-Haltung, die für mich in dem Zitat mitschwang angesprochen hat; das war einfach auch eine gewisse Koketterie.

Bleistift Papier, 21 x 17 cm
Pilgrims 2, 2013
Bleistift Papier, 21 x 17 cm
Pilgrims 3, 2013

KB-MA: Das passt ja auch jetzt dazu, dass Du, wie ich gelesen habe, ein Hermann Buhl -Fan bist bzw. Du Dich mit seiner Geschichte beschäftigt hast?

A.Horn: Der passt natürlich auch sehr gut dazu, vor allem weil er den Deutschen Bergsteigerbund so herrlich beschissen hat.

KB-MA: Diese Art der Bergsteigerei, das, was einen Bergsteiger ausmacht, ist ja auch eine Art von Freiheit bzw. der Alpinismus wird immer mit Wildheit, Freiheit, und der Beherrschbarkeit von Natur konnotiert. Das fasziniert auch Dich?

A.Horn: Ach ja, das ist lange her. Damals fand ich das wunderliche Bergsteiger-Wesen sehr faszinierend. Seinerzeit war ich tatsächlich ein quasi ausgewiesener Stammtisch-Hochalpinist. Vom Sofa aus lässt es sich hervorragend einen Achttausender besteigen.

KB-MA: Vielen Dank für das Gespräch – mit der letzten Frage:  Wann sind die nächsten offenen Ateliers in LU? Und bist Du wieder mit dabei?

A.Horn: Am Sonntag, den 18. und 25.09.2016 , jeweils von 14-19 Uhr, steht die Ateliertür offen.

Atelier-Adresse:
Berliner Straße 17
67059 Ludwigshafen

www.alexanderhorn.net

_DSC4714
Blick ins Atelier

Submit a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.