Viktoria Binschtok, Michael Schäfer: with/against the flow, Heidelberger Kunstverein

Was kann die Fotografie heute?

Viktoria Binschtok, MIchael Schäfer – zeitgenössische Interventionen, bis 28.8.2016

Die  aktuelle Ausstellung des Heidelberger Kunstvereins ‚with/against the flow‘ wirft gezielt und bewusst Fragen zur zeitgenössischen Fotografie auf. Viktoria Binschtok und Michael Schäfer zeigen mit ihren Werken einen sehr eigenständigen Umgang mit der Fotografie zwischen Medieninteresse, dokumentarischem Charakter, Verfremdung und gesteuerter Rezeption. Beide greifen manipulativ in das vorgefundene Bild ein, meist um es als das zu entlarven, was es bereits vor der künstlerischen Manipulation schon war: ein subjektiver, oft bewußt inszenierter Blick auf einen übergeordneten Kontext.

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Blick in die Ausstellung

Die grundlegende Fragestellung der Ausstellung steht weit oben im Ausstellungsraum an der Brüstung der Galerie: „Stellen Sie sich vor, Sie sind Fotograf und müssen raus in die Welt, um neue Bilder zu machen. Doch was ist das >Draußen< heute eigentlich, und was zeichnet >neue< Bilder aus? Was taugt die Fotografie als künstlerisches Mittel in einer Zeit, in der alles schon fotografiert wurde und ein unablässiger Strom vernetzter Bilder alles umspült? Was sind das für Fragen, die heute bearbeitet werden wollen? Und wie?“

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Viktoria Binschtok, Eclipse99 Cluster, 2014

Viktoria Binschtok – fremde und eigene Inszenierungen

Für die oben angesprochenen Fragen bietet Viktoria Binschtok drei Antworten, ihre Serien ‚Clusters‘, ‚Three peoples on the phone‘ und ‚World of Details‘. In der Serie ‚Clusters‘ ist der Ausgangspunkt ein eigenes Bild von Binschtok, das in die Suchfunktion von Google eingespeist wird. Mit Hilfe der Such-Algorithmen findet Google weitere, passende Bilder. Daraus wählt Binschtok einige aus und inszeniert sie neu. Die Serie ‚Three peoples on the phone‘ wurde bereits 2004 in Tokyo aufgenommen, sie wird aber erst 2007 veröffentlicht. In der digitalen Zeitrechnung liegt sie also fast schon in der Steinzeit zurück, die Aufnahmen sind jedenfalls vor der Ära des Smartphones erstellt. Es sind wegweisende Bilder, in ihnen schlummert ein Dämon, dessen Kraft für die einen Moderne und Fortschritt, für die anderen eher Vereinsamung und Leben in einer Scheinwelt bedeuten. Bei ‚World of Details‘ stellt Binschtok Aufnahmen von Google Street View eigene Bilder gegenüber, auch hier werden Bilder einer Scheinwelt und einer realen, subjektiven Welt zusammengeführt. Binschtok eröffnet somit einen Horizont, der von maschinell, automatisch aufgenommenen Darstellungen des Internetdienstes bis hin zu ihren eigenen, rein subjektiven Aufnahmen mit bewusst gewähltem Bildausschnitt reicht. Und irgendwo dazwischen findet sich die Realität, Binschtok schickt uns auf die Suche, finden müssen wir sie aber selbst.

Trash, 2011, aus: World of Detais

Michael Schäfer – Eingriffe in die digitale Welt

Auch Michael Schäfer arbeitet in seinen Werken mit der Verfremdung, er tauscht Teile des Bildes durch anderes Material aus. Allerdings ist es nicht sofort erkennbar, auf vorgefundenen Pressebildern werden die Gesichter von Politikern durch Gesichter von Schauspielern ersetzt. In seiner Serie ‚Generation‘ sucht er aus dem Internet Aufnahmen von Models auf dem Catwalk heraus und fügt die Gesichter von Kindern ein. Schäfer schafft digitale Phantome, er entrückt und verschiebt die bildhafte Situation aus der Individualität in eine prototypische allgemeine, bei ihm wird aus einem Fingerabdruck ein Fingerzeig. In Schäfers eigenen Worten heißt das: „Wir leben in einem Umfeld, das zunehmend von sich überlagernden und konkurrierenden Realitäten und somit auch Realismen gekennzeichnet ist. Die oberflächliche Einheit der menschlichen Identität und analog dazu des Bildes ist eine Illusion und nicht haltbar.“

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Michael Schäfer, Generation

Bei den ‚Invasive Links‘ wird das Prinzip auf die Spitze getrieben, deutlicher können Vorder- und Hintergrund kaum auseinanderfallen. Vorne sehen wir junge Menschen, die zwanglos und entspannt interagieren, den Hintergrund bildet eine Handy-Aufnahme von Kriegsbildern. Die Montage auf durchsichtigem Acrylglas bietet einen unüberwindbaren Kontrast, auch im Falle des jungen Mannes in Shorts, der scheinbar einem Soldaten beim Beladen eines LKWs mit Munition zuschaut. Das Bild zerfällt in seine Einzelteile, die Durchmischung von gegensätzlichen Ebenen bildet nur scheinbar ein Raumkontinuum, eigentlich aber schafft sie Distanz und regt zum Nachdenken an. Dazu Schäfer: „Ich greife mir ein paar der vorbeischwimmenden Bilder, halte sie kurz an, re-programmiere sie, schreibe sie um schleuse sie dann in veränderten Kontexten wieder in den Bilderstrom ein. Es geht mir darum, den Code der Bilder zu verändern…Am ehesten würde ich mich als Foto-Monteur bezeichnen.“

Vorbild für Verdächtige, 2005, aus: Pressebilder

Beide Positionen orientieren sich am Umgang der Massenmedien mit digitalen Bildern. Dieses Interesse gibt es bereits seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, Binschtok und Schäfer stehen in dieser Tradition mit ihren eigenwilligen Konzepten. Sie enttarnen durch Manipulation, Montage, Re-Inszenierung und Gegenüberstellungen. Sie greifen somit aktiv ein in die Flut von bildbasierten Informationen. Viktoria Binschtok gehört somit das Schlusswort: „Dieses ständige Geben und Nehmen von bildbasierten Informationen hat unsere Rolle im Laufe der Jahre vom passiven User zum aktiven Exhibitionisten erweitert. Wir alle, die Bilder teilen, sind somit mehr oder weniger Teil dieser visuellen Kultur geworden.“

www.viktoriabinschtok.wordpress.com

Heidelberger Kunstverein, Hauptstr. 97, 69117 Heidelberg

Di, Mi, Fr 12-19 Uhr, Do 15-22 Uhr, Sa, So 11-19 Uhr (Anfang Juli teilweise geänderte Öffnungszeiten)

www.heidelberger-kunsverein.de

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Blick in die Ausstellung

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