Wer’s glaubt, wird selig! Michael Volkmer in Frankenthal

Kultursommer Rheinland-Pfalz 2016

Michael Volkmer – raumbezogen und vielschichtig, bis 26.6.2016

„Hallelujah!“ ist das erste was ich denke, als ich mich dem Eingang der Zwölf-Apostel-Kirche in Frankenthal nähere, endlich mal ein Eintritt in geheiligte Hallen über einen roten Teppich. Die raumbezogene Installation von Michael Volkmer beginnt bereits vor der Kirche und auf den Stufen zum Eingang. Dort ausgelegt ist ein 35 Meter langer, roter Teppich, über den man bis zum Altar gemessenen Schrittes schlurfend schreitet. Die Installation setzt sich fort über der eigentlichen Eingangstür, über der in roter Leuchtschrift das Wort ERLÖSE thront, und schließt am Ende des roten Teppichs mit einem Altarbild der besonderen Art – ein goldenes M. Liebe Kunstgemeinde, es gibt scheinbar Neues vom Schachtelwirt, hallelujah!!!

Kultursommer Rheinland-Pfalz 2016
Zwölf-Apostel-Kirche Frankenthal

Das Unvereinbare zusammenbringen – die Bildsprache von Michael Volkmer

In den letzten Jahren hat Michael Volkmer immer wieder in sakralen Räumen ausgestellt, in der Konkordienkirche in Mannheim, der Peterskirche in Grünstadt-Sausenheim, der Stadtkirche in Höchst oder ganz aktuell in der KunstKulturKirche Allerheiligen in Frankfurt. Hier griff Volkmer oftmals auf Leuchtkästen und Radzierblenden zurück, seiner modernen Version des gotischen Maßwerks. Die Ausgestaltung sakraler Räume verlangt ein besonderes Gespür und eine Sensibilität: im Kirchenraum sind ja bereits schon Kunstwerke vorhanden und der künstlerische Eingriff in diesen muß somit nicht nur auf den Raum mit seinen architektonischen Vorgaben, sondern auch auf die bestehenden Werke und auf die Funktionalität als Kirchenraum mit seiner Gemeinde abgestimmt sein.

Kultursommer Rheinland-Pfalz 2016
Blick in den Kirchenraum

 

Die Antwort darauf im Falle von Michael Volkmer ist ein Zurücknehmen, eine Konzentration und eine Bezugnahme auf Bestehendes. Die Integration des Kunstwerks in den Kirchenraum sorgt oft für eine Art Verschwinden, es verschmilzt mit dem eigentlichen Bestand oder ergänzt diesen und es erscheint trotz seiner Modernität wie für den Ort gemacht. Die Zurückgenommenheit gibt dem Raumerlebnis mehr Wirkung, als Betrachter sucht man förmlich nach dem Kunstwerk und erfährt dadurch Bezüge und Wechselwirkungen. Die zwölf mächtigen Säulen im Innenraum, die sich auf die zwölf Apostel beziehen, bestimmen die Raumwirkung, ihre Dominanz läßt Volkmer unangetastet. Er führt uns von außen über den Gehweg, die Treppe und den Mittelgang in den Kirchenraum hinein bis hin zum Altar, dem Band des roten Teppichs folgend. Was zunächst als ‚Walk of Fame‘ außen beginnt, wird im Innenraum in der Realität erlöst: es geht nicht um eine Form der Überhöhung, es geht um einen echten, schleichenden, aber dadurch erlebbaren Übergang, ein Aufbrechen von tradierten Werten und mündet in einer Profanisierung der kirchlichen Erlebnis- und Gefühlswelt durch Konzentration und Lenkung auf den strahlenden, sehr weltlichen Zielpunkt hin.

Farbe – Material – Bezüge

Die für Michael Volkmer typische Farbe hellelfenbeinweiß findet hier keine Verwendung, er arbeitet mit den bekannten Farben des Fastfoodketten-Logos, auch die eigens für diese Ausstellung gefertigten Buchstaben der Leuchtschrift sind rot. Der Schriftzug ERLÖSE kann als Imperativ verstanden werden oder als Substantiv im Plural, die Doppeldeutigkeit ist gewünscht und auch ein Merkmal der Kunst von Michael Volkmer. Das goldene M hat er zunächst mit traditionellen Hilfsmitteln wie dem Zirkel konstruiert und dann aus Hartschaumstoff herausgesägt und geraspelt. Volkmer hat es abschließend mit mineralischen Putz überzogen, um eine Sandsteinoberfläche zu imitieren. Über den beiden Bögen des M stehen die kirchlichen Buchstaben Α und Ω, Anfang und Ende, es ist perfekt eingepasst und nimmt darauf Bezug. Das M ist baugleich mit dem des Logos, es ist leicht verfremdet durch die maßwerkartigen Ornamente innerhalb dieser Bögen. Anregungen für die Gestaltung erhielt Volkmer von der Kirchenruine nebenan und auch die form- und farbintegrierte Kult-Imbißbude „Friedrich’s Rathaus-Grill“ an der angrenzenden katholischen Dreifaltigkeitskirche war für ihn eine Inspirationsquelle.

Im Seitenausgang gibt es dann noch Devotionalien zum Mitnehmen. Auch sie entspringen der Bildwelt von Michael Volkmer: Mary to go, ein in Beton gegossenes Marienbild und Betonabgüsse von Dürers betenden Händen in zwei verschiedenen Größen. Eine großes „Take away Pray“ für Vielbeter und die Version „Little Pray“ für den eher zurückhaltenden Beter. Als ich die Kirche verlasse, bin ich gleichermaßen beeindruckt und erlöst. Es hat also funktioniert, das Konzept ist aufgegangen und neben der Erlösung macht sich außerdem noch die erleichternde Erkenntnis breit: es ist – Gott sei dank – dann doch nicht der erste McWalk, hallelujah!

www.michael-volkmer.de

Zwölf-Apostel-Kirche Frankenthal
Blick in den Kirchenraum

Zwölf-Apostel-Kirche, Carl-Theodor-Str. 2, 67227 Frankenthal

Sonntags und Feiertags 15-18 Uhr, Donnerstags 17-20 Uhr und nach Vereinbarung

Im Rahmen des Kultursommers in Rheinland-Pfalz finden in Frankenthal noch in zwei weiteren Kirchen Ausstellungen statt. In der Jakobskirche (Jakobsplatz 1) wird eine Videoinstallation von Fritz Stier und im dazugehörigen Ökumenischen Gemeindezentrum Pilgerpfad Malerei von Irmgard Weber gezeigt. In der Christuskirche in Frankenthal-Mörsch (Frühlingstr. 24) präsentiert Matthias Strugalla Zeichnungen.

Kultursommer Rheinland-Pfalz 2016
Videoinstallation von Fritz Stier in der Jakobskirche

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