Brigitte Zieger, What if…? Kunstverein Mannheim

Plastik, Prints, Video

bis 29.5.2016

Kunstverein Mannheim
Blick in die Ausstellung

Brigitte Zieger – Die Wucht der Stille

Kunstverein Mannheim
The man who stops a column of tanks

Im Erdgeschoss des Mannheimer Kunstvereins trifft der Besucher auf sechs lebensgroße Halbfiguren – alle in einheitlichem Anthrazit – die ihre Wirkung unmittelbar entfalten. Stumm stehen sie dem Betrachter gegenüber – festgefroren in ihrem Tun von heute historischem Ausmaß. Die in Paris lebende Künstlerin Brigitte Zieger hat ihre Motive berühmten Pressefotos entnommen und die Protagonisten aus ihrem jeweiligen Kontext herausgelöst, um diese in dreidimensionalen Schattenbildern wieder auferstehen zu lassen. So steht man unter anderem wie gebannt vor dem sogenannten Tank Man und wartet auf seinen Einsatz. Diesen hatte er 1989 während der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Der bis heute anonym gebliebene Mann stellte sich mit seinen Einkaufstüten vor einen Konvoi von Panzern um ihr Vorrücken zBrigitte Zieger What if...? Kunstverein Mannheimu blockieren. Diese Szene zivilen Ungehorsams wurde von zahlreichen Fotografen und Fernsehteams festgehalten und von etlichen Medien weltweit verbreitet. Im April 1998 nahm sogar das Time Magazine den Tank Man in die Liste der 100 einflussreichsten Personen des Jahrhunderts auf.

Figuren erzählen Geschichte

What if...?
Anonymous Sculptures, Sleeping Biker und Young Woman Facing the Military Police, beide 2008-2011, Kunststoff

Alle von Brigitte Zieger aufgegriffenen Figuren bleiben bis heute anonym trotz ihrer internationalen Bekanntheit. So auch die Figur der jungen Frau mit Schlapphut, Schlaghose und langer Halskette, die in ihrer ausgestreckten Hand eine kleine Blume hält. Wem sie die Blume entgegenstreckt zeigt die Künstlerin nicht – aber manch ein Besucher findet die Szene vielleicht in seiner Erinnerung wieder. Die gezeigte Geste entstammt der amerikanischen Proteste gegen den Vietnamkrieg. Eine große Anzahl von Antikriegsdemonstranten vor dem Pentagon in Arlington in Virginia standen einer ebenso großen Zahl von Militärpolizisten, getrennt nur durch ein Seil, gegenüber. Darunter die junge Frau mit Schlapphut, die einem der Polizisten die Blume entgegenhält – in stummer Aufforderung diese gegen den Krieg zu tauschen.

Kunstverein Mannheim

Brigitte Zieger, What if...?

Hoffnungsträger

Auch der schlafende Motorradfahrer weckt Erinnerungen und schon gräbt man tief in der eigenen Bildwelt und fragt sich unmittelbar, wo nur habe ich diesen schon mal gesehen? Das Foto des jungen Mannes, der auf der Sitzbank seines Motorrades schläft, erlangte eine ähnliche Berühmtheit wie die anderen. Es entstand während des Woodstockfestivals 1969. Das Festival stand für die Möglichkeit in einer künstlerischen und friedliebenden Welt leben zu können und war Ausdruck einer Hoffnung auf ein neues, anderes Amerika – im Gegensatz zu dem Amerika, das sich damals im Vietnamkrieg befand. So steht auch dieser von Brigitte Zieger aus seiner ursprünglichen Bildwelt herausgelöste Protagonist für eine Idee, eine politische Haltung, ein winziges Ausrufezeichen in einer historischen Epoche.

Das leere Innere

Bewegt man sich um die „Helden“ herum, entdeckt man, dass sie hohl sind, bzw. dass es sich um Halbschalen handelt, vergleichbar mit Abgussformen. Aus diesem Blickwinkel offenbart sich eine Zerbrechlichkeit wie auch eine Leere. Den einstigen Helden gibt es vielleicht nicht mehr, aber die Idee, die Haltung, die er verkörpert, setzt sich fort, ist reproduzierbar und bleibt abrufbar.

Kunstverein Mannheim

Counter Memories

Kunstverein Mannheim
Counter Memories
Brigitte Zieger What if...? Kunstverein Mannheim
Ägineten, Glyptothek München

 

 

 

 

 

 

Auf der Empore zeigt der Kunstverein acht großformatige Prints, die einer ähnlichen Idee folgen wie die „anonymen Skulpturen“. Die Ausgangsmotive sind unter anderem antike Darstellungen des trojanischen Krieges. Die kriegerischen Szenen, bevölkert von Kämpfern und Göttern sind dem Betrachter vertraut, weil sie sich in unser kollektives Gedächtnis eingegraben haben. Dieses kollektive Gedächtnis bricht die Künstlerin jedoch auf, in dem sie die Figuren auf eine Weise verändert, die dazu führt ein daraus resultierendes kollektives Weltbild zu hinterfragen: Die Oberflächen der Körper und Gesichter der antiken Skulpturen ersetzt sie mit weiblichen Körpern und Gesichtszügen von Fotografierten aus der Zeit der FlowerPower-Bewegung. Der männliche Kriegshabitus bleibt bestehen, wird aber von Gesten weiblicher Friedfertigkeit überlagert. Damit drängt sich auch der Ausstellungstitel »What if…?« und damit die Frage »Können wir Positionen verändern«? dem Betrachter regelrecht auf.

Kunstverein Mannheim
Counter Memories

www.brigittezieger.com

Kunstverein Mannheim, Augustaanlage 58, 68165 Mannheim

Di-So 12-17 Uhr

www.kunstverein-mannheim.de

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