Interview mit Ana Laibach anlässlich der Ausstellung „Welt offen“ im Kunstverein Schwetzingen

Das Kunstschaffen der in Mannheim lebenden Künstlerin Ana Laibach kann vielseitiger, kurioser, kreativer und mitreißender nicht sein. Jeder, der ihre ganz eigene Welt betritt, wird hineingezogen in ihr einzigartiges Geschichtenuniversum. Einen Ausschnitt dieses Universums zeigt aktuell der Schwetzinger Kunstverein in der evangelischen Stadtkirche: Zu sehen ist Laibachs aktuellestes Radiotagebuch- im Gewand eines Gesangsbuches – das im diesjährigen Corona-Lockdown entstanden ist. Die Besucher dürfen durch drei Monate tagesaktueller Nachrichten blättern, die Laibach zeichnerisch kommentiert hat. Ein Besuch, der sich unbedingt lohnt.

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Viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler hat die Corona-Krise schwer getroffen – keine Ausstellungen mehr, wenige Beteiligungsmöglichkeiten, Isolation und Existenzängste trafen sie besonders. Wie bist Du durch die zwei schweren Lockdowns gekommen und und wie schlagen sie sich in Deiner aktuellen Arbeit nieder?
Laibach:
Die Pandemie hat natürlich weltweit existentielle Fragen aufgeworfen, und das nicht nur für uns Kulturschaffende. Sicher ist und bleibt uns wohl die Unsicherheit.
Ich habe sehr viel gearbeitet – unter anderem habe ich einige Selbstporträts gemalt, auf denen ich eine Maske trage. Ich konnte so in gewisser Weise meine „Mund- und Ideenlosigkeit“ festhalten, der ich während des Shutdowns ausgesetzt war. Andererseits ist es auch als ein Statement zu verstehen. Für mich ist das Maskentragen keine Freiheitsbeschränkung, sondern ich betrachte es als meine gesellschaftliche Verantwortung.

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In diesem Selbstporträt trägst Du einen Mundschutz mit Revolver? Hat das ein konkrete Bedeutung?
Laibach:
Es hört sich vielleicht schräg an, aber meine Revolvermaske trage ich sehr gerne, wenn ich in die Bank gehe. Ich übe für schlechte Zeiten. Ich habe auch eine Gurken-Maske, die trage ich, wenn ich etwas frischer aussehen möchte. Sie steht für das Gefühl, in dieser Sauren-Gurken-Zeit zu leben. Es ist aber auch ein Zeitdokument. Bestimmte Ereignisse, Stimmungen werden archiviert, so auch die Zeit des Shutdowns und die Veränderungen, die Corona für uns alle mit sich bringt.

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Dein Werksspektrum ist enorm. Du malst, zeichnest, arbeitest keramisch, schaffst Monotypien, Videoperformances. Du entwickelst Themen in schwarz-weiß genauso leidenschaftlich wie in Farbe. Deine Acrylarbeiten strotzen nur so vor Kraft und Energie. Dann wieder laminierst und kommentierst Du tote Insekten auf pastellrosa Papier oder zeichnest Figuren entweder reduziert auf ihre Umrisse oder ganz plastisch über Hell-Dunkel-Kontraste und Auflösung der Umrisse. Woher kommt diese Vielfalt?
Laibach:
Die Vielfalt entsteht durch die Frage: Was ist? Da diese Frage aber so vielschichtig ist, verlangt jede Antwort auch ein passendes Medium. Früher habe ich hauptsächlich gemalt. Heute beschränke ich mich eben nicht mehr nur auf die Malerei, weil viele verschiedene Anlässe oder Ereignisse eben auch verschiedene geistige Prozesse auslösen und nach unterschiedlichen Ausdruckformen verlangen.

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Kann man also sagen, Deine Kunst ist vor allem emotional, denn technisch und konzeptionell?

Laibach:
Es geht mir weitestgehend um eine Transformation von Zuständen, die mich emotional wie auch rational beschäftigen. Und da fließt natürlich auch mein Menschsein mit all seinen Makeln und Mängeln mit hinein, die Unvollkommenheit, die Dummheit, ja, auch die Idiotin in mir.

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Idealisierung ist Dir fremd?

Laibach.
Wenn Idealisierung gleichzusetzen ist mit der Erfüllung von Erwartungen, dann ist mir das nicht fremd, aber fern meiner Interessen.

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Und die Themen, die Dich emotional berühren, welche sind das? In etlichen Arbeiten – aber besonders in den Radiotagebüchern – ist ja die Beschäftigung mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen sicht- und lesbar.

Laibach:
Ich selber sehe mich als Beobachterin, denn Menschen irritieren mich oft in ihrem Denken und Handeln. Mich interessiert das Verständnis zwischen den Menschen und mir, ob Alltagsthemen wie Politik, gesellschaftliche Ereignisse, die Vergangenheit, kurz gesagt, der Mensch in seiner ganzen Bandbreite. Bei der Verständigungs-Suche hilft mir die Spelunkenbande, die ich in den Radiotagebüchern morgendlich zeichne. Sie dienen mir als Stellvertreter des politischen und alltäglichen Geschehens.                       

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Du arbeitest häufig seriell, entwickelst Ideen ausdauernd weiter, wie den Plot einer Fernseh-Serie. Auch hierfür ist Deine Spelunkenbande aus den eben erwähnten Radiotagebüchern ein gutes Beispiel: Die Protagonisten bestehen aus einer großen Sammlung von Stofftieren und Puppen, die Du täglich neu arrangierst, zeichnest und diese Gruppe dann Nachrichten des Tages kommentieren lässt.  Wie politisch bis Du bzw. wie politisch ist Deine Kunst? 
Laibach:
Politik ist ein Konstrukt des gesellschaftlichen Miteinander, das ich schwer durchschaue, das aber elementar ist. Ich bin froh, dass die Spelunkenbande mich diesbezüglich auf dem Laufenden hält.

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Und wie moralisch ist Deine Kunst?
Laibach:
Natürlich habe ich meine Moral- und Wertevorstellungen, die sich nicht zwingend mit denen anderer decken. Die gesellschaftlichen Verhaltenkodexe, die ja mit der Moral verknüpft sind, in Frage zu stellen, ist, wenn meine Kunst moralisch ist, von eigentlichem Interesse. In Arbeiten wie „Komm lass uns Krieg machen, aber nur kitzeln,…“ oder in „Schießen lernen – Freunde treffen“ ist abzulesen wie moralisch meine Kunst ist.

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Wie bei Rollenspielen, die man als Kind exzessiv auslebt, als Erwachsener aber ablegt oder gar verliert. Hast Du Dir das bewahrt oder als Erwachsene mühsam zurückgeholt?
Laibach:
Wäre ich mutig und gewieft, wäre ich gerne die Hofnärrin. So höre ich bloß gern Geschichten und erzähle mir selber auch gerne welche. Die täglichen Nachrichten geben genügend Impulse dazu. Wenn ich selber über meine Geschichten lachen und oft auch weinen kann, empfinde ich sie als gelungen.

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Wir müssen noch unbedingt auf Deine Bildtitel zu sprechen kommen. Es klang ja schon in einigen Fragen an: Die Titel Deiner Arbeiten stehen beinahe für sich allein. Da heißt es zum Beispiel „Schießen lernen, Freunde treffen“ oder „Komm lass uns Krieg machen, aber nur kitzeln“ und „Schön, dass ich nicht tot bin“. Es sind virtuose, hakenschlagende Sätze, so als müsse der Leser bzw. Betrachter immer durch mehrere Türen gehen, um die Essenz zu begreifen, richtig?
Laibach:
Die Titel haben durchaus eine gewisse Eigenständigkeit und können auch als Zitate verstanden werden. Es ist aber nicht meine Absicht, es den Betrachtenden besonders schwer zu machen. Ich suche in der Arbeit vielmehr nach einer Kernaussage, die ich im Titel festhalte. Der Titel ist eine Definition, die eine Arbeit ausmacht.

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Im Sommer nach dem ersten Lockdown hast Du Mannheimer Landschaften gemalt. Man kann schon sagen ein Genre, das Dich erst spät begonnen hat zu begeistern? Wie kam es dazu?
Laibach:
Zu der Freiluftmalerei inspirierte mich mein Mann Ingo Lehnhof. Er hat mit seinen Arbeiten meine Sehnsucht nach dem Draußen-Sein geweckt. Ja, und auch in die Ferne zu schauen. So entstand die Idee, vom Mannheimer Fernmeldeturm aus zu malen, ähnlich wie Klaus Fußmann, der auf diese Weise Berlin von oben gemalt hat. Diese Art der Freiluftmalerei ist für mich auch eine Annäherung an die Realität. Es ist vergleichbar mit Aktmalerei. Man hat das Modell unmittelbar vor Augen – bei der Plenairmalerei ändern sich die Lichtverhältnisse schnell und auch ein Aktmodell bleibt nur für eine gewissen Zeit in einer Pose, was die eigentliche Herausforderung ist. Der Faktor Zeit spielt folglich eine wesentliche Rolle.

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Dennoch, die Landschaften passen auf den ersten Blick so gar nicht zu Deinen restlichen Arbeiten.
Laibach:
Das stimmt nur zum Teil. Bei der Porträt- oder Landschaftsmalerei liegt etwas Konkretes, ja Reales vor meinen Augen, wohingegen bei den freien Arbeiten der Prozess elementar ist, und zwar das, was sich vor meinen inneren Augen entwickelt. In anderen Werkreihen wiederum tritt die Idee und das Konzept in den Vordergrund. Mein Beruf erlaubt es mir freie Wege zu gehen, da ist mir auch Laibach-Untypisches willkommen. Solche Irritationen sind doch Spracherweiterungen im künstlerischen Kontext.

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Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Infos:

Ausstellungsdauer bis 01. Oktober 2021.
Öffnungszeiten: Di-So 14-18 Uhr
Abendgottesdienst am 26.09. um 18 Uhr

www.ana-laibach.de
www.kunstverein-schwetzingen.de

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