Susanne Neiß. Redrum. Kunstverein Viernheim

Seit 2017 spätestens kennt jeder Internetnutzer den Hashtag me too, mit dem Frauen auf das Ausmaß von sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe aufmerksam machen, denen sie ausgesetzt waren oder sind. Jetzt sind es der Viernheimer Kunstvereinsleiter Fritz Stier und die Künstlerin Susanne Neiß, die mit der Soloausstellung redrum (was rückwärts gelesen das englische Wort murder bedeutet) ein Statement setzen – etwas das im Kontext einer Vernissage eher ungewöhnlich und mutig ist. Zu sehen sind Foto-Arbeiten, in denen sich die Künstlerin mit ihrem selbst erlebten sexuellen Missbrauch auseinandersetzt.  

Mit dem Öffentlichmachen wagt sie sich aus einer sie schützenden Deckung der Privatheit heraus und macht Geschehnisse sichtbar, die für andere bis zu diesem Moment verborgen geblieben waren. Die Betrachter wiederum werden mit einem tabu- und schambesetzten Thema konfrontiert, das unausgesprochen Betroffenheit und Sprachlosigkeit bewirkt. Durch die Sichtbarmachung der Erlebnisse in Form von Fotografie aber erfährt das Tabu ein Aufbrechen und wird auf seine Weise sprachfähig.

Bei den Neiß’schen Fotowelten handelt es sich nahezu immer um enorm starke Farb- und Lichteindrücke. Es gibt viel Rot und Gelb, Rosa und Orange, hier und da ein sattes Grün oder Purpur – Spektralfarben in reinster Form, die vielleicht vermeintlich die Lust an der Lust, der Liebe, der menschlichen Natur, am Leben verheißen. Diese Bildwelten verpackt sie in Serien – bis heute an die 15 – die jede für sich eine Geschichte zu erzählen scheint. In der aktuellen Ausstellung zeigt sie Arbeiten aus den Serien redrum, tabu, transition, ysland, missing und SpielEnde. Schon die Titel verheißen Erlebtes, Geheimnisvolles, Beängstigendes, spätestens die Reihung der Fotografien sorgen dann für das Aufblühen der eigenen Vorstellungen, die zu den Titeln und Farbkompositionen entstehen: In einem Schlüsselwerk der Ausstellung – eine Anordnung von sechs Fotografien aus der Serie redrum – erkennt man bei genauerer Betrachtung einer zunächst unspezifischen Szene, eine Messerklinge, die sich zwischen ein glattes Paar Frauenbeine schiebt. Dieses Messer verkehrt die vordergründig lieblich erscheinende Szenerie aus Licht, Farbe und Umrissspielerei unmittelbar in ein gewalttätiges, sexuell übergriffiges Geschehen. Es schleichen sich Fragen in den Kopf des Betrachters, getriggert von den eigenen Ängsten oder Erfahrungen: Was sehe ich? Was verbirgt sich hinter der Vorstellung von dem, was ich sehe? Wo ist das Böse?

Diejenigen, die die Arbeiten von Susanne Neiß bereits kennen, wissen, dass ihre Motivfindung darin besteht, in Dingen, von denen sie umgeben ist, oder in der Natur, in der sie sich bewegt, außergewöhnliche Farb- und Lichtstimmungen zu suchen. Oft sind nur kleine Ausschnitte aus ungewöhnlichen Blickrichtungen eingefangen, die das gesamte Motiv verschleiern. Diesem liegt aber nicht die Absicht der Verschleierung zu Grunde, sondern immer die Absicht, die herkömmlichen Sehgewohnheiten zu durchbrechen und dadurch eine bestimmte Stimmung oder Gefühlswelt zu erzeugen. Nun zu wissen, dass die Fotografin auch Bildausschnitte eingefangen hat, die ihren eigenen sexuellen Missbrauch ausdrücken, hinterlässt mit dieser hochbrisanten Ausstellung aber natürlich eine gewisse Beunruhigung. Nunmehr steht man als Betrachter vor den Arbeiten und sucht nach dem Ausdruck, dem Gefühl, nach der Erinnerung, die erfahren worden sein müssen.  Und plötzlich sieht man in dem Ausschnitt einer geöffneten Tasche ein weibliches Genital und in dem hübschen Muster des Tascheninnenfutters könnte man die Flecken von Blut und Sperma erahnen. Hat die Künstlerin in diesem Bild ihr eigenes Erleben in eine ästhetische Bildsprache transformiert oder wünscht man sich als Betrachter nicht viel mehr, dass die eigene Vorstellung nichts mit der Wirklichkeit gemein hat? Eine Antwort darauf gibt es nicht und sollte es auch nicht geben, denn viel wichtiger ist, dass das Gesehene oder vermeintlich Gesehene im Betrachter ein Bild entstehen lässt, das eindringlich ist und darum in ihm weiterwirkt. Das gelingt, weil die Arbeiten von Susanne Neiß immer auch verschiedene Interpretationen zulassen. Der Künstlerin ist es wichtig, dem Betrachter die Freiheit zu lassen, die eigenen Erfahrungswelten in den Fotoarbeiten einfließen zu lassen. Das bedeutet, wenn ein Betrachter keinerlei Kenntnis davon hat, was für eine Stimmung oder was für ein Motiv die Künstlerin konkret in ein Foto übersetzt hat, darf er alles darin sehen, was er zu sehen meint – selbst dann, wenn grausame, traumatisierende Realitäten in farbenfrohe, leuchtende Kompositionen verpackt worden sind.

REDRUM
07.02. – 07.03.2020
Kunstverein Viernheim | Kunsthaus Viernheim
www.kunstverein-viernheim.de
Öffnungszeiten:
Do./Fr. 15:00 – 18:00 Uhr + Sa. 10:00 – 13:00 Uhr

Weitere Infos auch unter:
www.susanne-neiss.de

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