Fritz Stier. Windstill im Niemandsland, Port25 Mannheim

bis 18.2.2024

Fritz Stier ist ein Meister der leisen Töne. Ganz selten wird es in seinen Videoarbeiten laut. Und wenn doch, dann sind es punktuell gesetzte Akzente, überraschend inszenierte Pointen des Erleb- und Erfahrbaren. Die Ausstellung „Windstill im Niemandsland“ im Port25 – Raum für Gegenwartskunst ist ein Spiegelbild dieses Verständnisses. Es ist still, windstill und wir befinden uns in einem Terrain, das von Fritz Stier zu einem besonderen Gebiet erklärt oder besser gesagt erschaffen wird: seinem Gebiet, seinem Verständnis von Koexistenz und dem Ausloten von Distanz und Nähe. All dies geschieht in seinen Videoarbeiten in einer gewollt langsamen Ausprägung und einer daraus resultierenden Dramatik.

Es ist eine gekonnte Inszenierung von Grenzerfahrungen, die immer wieder in ihrem Verlauf in einem Zwischenstadium verharren. Es kann in alle Richtungen weitergehen, gebannt wartet der Betrachter, was als nächstes passiert, welche Option genutzt wird oder ob überhaupt etwas passiert. Und wenn es dann passiert, ist der eintretende Überraschungseffekt groß, so als ob man gar nicht damit gerechnet hätte. Allerdings konstatiert man Fritz Stier im Nachhinein, dass er in seinen Arbeiten kausale Zusammenhänge herstellt. Was zunächst wie ein Zufall erscheint, wird später zu einem Konstrukt verbunden, dass eigentlich keinen anderen Ausgang hätte nehmen können. Es erscheint logisch und stimmig, dabei erzählt Fritz Stier in so wenigen Worten, dass genügend Spiel- bzw. Deutungsraum zwischen den Zeilen bleibt.

In vielen Arbeiten wird sowohl von den Protagonisten als auch vom Betrachter verlangt, dass sie aushalten, abwarten, ertragen und erdulden. Es ist wie eine Schicksalsgemeinschaft zwischen den Darstellern und dem Publikum, alles was dem einen angetan wird, häuft sich auf dem Empathie-Konto des anderen an. Die Verbindung in dieser Zeugenschaft ist zwar unsichtbar, aber sie ist äußerst trag- und leitfähig, so dass gewährleistet ist, dass die Botschaften den Weg zum Adressaten finden. Das langsame Entwickeln auf der einen Seite und das geduldige Aushalten auf der anderen, gibt genügend Zeit und Raum, um sich einzufühlen und das Gesehene verständnisvoll zu begleiten und zu durchleben.

Das Schweben ist ein immer wiederkehrendes Motiv im Werk von Fritz Stier. Dieser kurze Moment der Schwerelosigkeit und des Verharrens fasziniert Ihn, er verwendet das Motiv sowohl in seinen Videoarbeiten als auch in den Photopaintings. Die Leichtigkeit des Schwebens ist Ausdruck von grenzenloser Lebensfreude und diese positive Grundeinstellung findet sich als bestimmender Teil in vielen seiner Arbeiten.

Ausgangspunkt der großformatigen Mischtechniken, den Photopaintings, sind alte Photographien. Stier zieht die Bilder groß und diese Blow-ups auf Fotopapier werden schließlich überarbeitet. Er trägt Farbe und transparentes, dünnes Papier auf und verwischt diese zusätzlich aufgebrachten Schichten nachträglich wieder. Es wirkt wie ein Alterungsprozess, wie eine Alterungspatina des Lebens. In der Serie von Photopaintings mit den Kinderbildern „My future is the past“ ist es wie eine Zeitreise in die Zukunft. Obwohl die Kinder ja ihr ganzes Leben noch vor sich haben, sind alle Spuren des Lebens, alle Narben und Falten schon angelegt. Und in dem gegenwärtigen Bewusstsein, dass sie ihr Leben bereits gelebt haben, ist es ein Gefangensein in einem eigentümlichen Zwischenzustand: Ist es eher ein posthumer Nachruf oder eher ein hoffnungsvoller Ausblick? Darauf würde Fritz Stier niemals eine Antwort geben, denn diese Entscheidung muss der Betrachter mit sich selbst ausmachen.

www.fritzstier.de

Verschiedene Deutungsebenen finden sich in Fritz Stiers Arbeiten immer, nichts ist eindimensional festgelegt. Es mag zwar erstmal so scheinen, aber die Interaktionen sind doch so offen angelegt, dass sie sich einer festgelegten Deutung entziehen. Was der Betrachter spürt und erlebt, ist subjektiv. Und dieses Gefühl lässt sich dann doch nicht greifen, da die Bilder sich so langsam bewegen bzw. ihnen soviel Zeit zum Entfalten gegeben wird, dass der Betrachter von seinen eigenen Gedanken eingeholt wird. Wer viel Zeit zum Nachdenken hat, der erschließt sich unter Umständen alternative Bedeutungsebenen, der lässt sich treiben indem er seinen Gedanken nachhängt. Dieses Nachhängen, dieses sich Fallenlassen hat etwas meditatives, es ist eine phänomenale Qualität in Stiers Werken und macht diese nahbar.

Port25 – Raum für Gegenwartskunst Mannheim, Hafenstraße. 25-27, 68159 Mannheim

Mi-So 11-18 Uhr, Eintritt frei

www.port25-mannheim.de

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